Das erste Mal
Kos, Juni 2019
Unser allererstes Mal in Griechenland. Unser erster Abend. Vor allem was danach noch kommen sollte…
Wir waren seit mehr als einem Tag auf den Beinen. Eine gefühlte Ewigkeit.
Und wer kennt das nicht?
Die Unruhe im Flieger, dieses permanente nicht auszublendende Geräusch der Turbinen. Die trockene Luft. Kinder die zum ersten Mal fliegen; die weinen weil sie nicht wissen was passiert.
Das monotone Dröhnen des in die Jahre gekommenen Überlandbusses. Das Geschaukel. Die oft holprigen Straßen.
Und der Körper der irgendwann einfach nicht mehr Dir gehört und aufhört mitzumachen.
Weder meine Frau noch ich konnten unterwegs schlafen, völlig egal wie müde wir waren. Nicht im Flieger, nicht im Bus.
Nach dem Einchecken im Hotel gab es entsprechend auch nur noch ein minimales Pflichtprogramm: kurz duschen, frische Kleidung gegen das klebrige Reisegefühl tauschen – und raus.
Irgendwo etwas essen finden. Irgendwie ankommen. Mehr Anspruch existierte für uns in diesem Moment nicht.
Also erstmal in Richtung Strandpromenade. Ein paar Minuten. Dann noch ein paar. Unsere Beine schwer wie Blei – gefühlt liefen wir beide nur noch auf Automatik.
Dann sahen wir sie – und ich weiß bis heute nicht warum sie uns aufgefallen ist.
Eigentlich eine Taverne die von außen absolut nichts herhielt. Kein Hochglanzspot, keine Deko die nach Tourismus schreit. Aber durch die Fenster des Eingangs schimmerte ein warmes, unaufgeregtes Licht nach draußen. Einladend genug für zwei Gestrandete.
Und irgendwie genau richtig.
Wir traten durch die Tür.
Hinter dem Empfangstresen stand eine ältere Dame. Sie trug einen weiß-blauen Küchenkittel – exakt so ein Modell aus festem Stoff wie ihn damals meine Oma in den 70er und 80er Jahren beim Kochen getragen hat. Dieser Anblick allein war wie ein vertrauter Gruß, eine Erinnerung aus meiner Kindheit, mitten im Unbekannten.
Sie sah uns an. Ein kurzer Blick der unsere Erschöpfung sofort wahrnahm. Dann ein warmes, offenes Lächeln.
„Englisch? Deutsch?”
Wir murmelten unsere Antwort – und im nächsten Moment passierte etwas womit wir beide im Traum nicht gerechnet hatten. Kein förmliches Nicken, keine professionelle Distanz. Sie trat einen Schritt vor und umarmte uns beide einfach.
Wir waren zum ersten Mal überhaupt in Griechenland. Von dieser Geste total überrascht.
Dann sagte sie in erstaunlich gutem Deutsch:
„Willkommen ihr beiden – ihr seht ja total erschöpft aus. Kommt erstmal rein und setzt euch.”
Sie führte uns nach hinten durch auf die mit Holz beplankte Terrasse – direkt am Wasser, mit einer einfachen, weiß lackierten Holzbrüstung zum Meer.
Wie sehr es dort nach Meer roch! Aber anders als unsere Nordsee oder die Ostsee. Nicht zahm, nicht vertraut. Dieser Geruch der gleichzeitig nach kalter Gischt und heißem Stein riecht, nach Salz und etwas Lebendigem das ich nicht benennen kann. Ein bisschen wie eine aufgeheizte Straße nach der Abkühlung durch ein Sommergewitter. Nur wilder, salziger, irgendwie schärfer – und fremder. Der regelrecht an der Haut klebt. Man riecht ihn nicht nur – man trägt ihn.
Hin und wieder spritzte mir die Gischt ans Bein. Die ersten Male erschrak ich kurz. Dann war es einfach nur noch angenehm kühl.
Seitdem bedeutet dieser Geruch für uns: zuhause.
Die Tische weiß lackiert, die Stühle blau. Papiertischdecken die sie mit kleinen Metallklammern fixierte damit die Brise sie nicht holte.
Noch bevor wir richtig saßen rief sie einem Kellner etwas zu. Kurz darauf stand eine Flasche eiskaltes Wasser auf dem Tisch. So kalt dass die feuchte, warme Meeresluft sofort an der Flasche kondensierte.
Ich starrte etwas gedankenverloren auf die Karte und merkte wie mein Gehirn endgültig den Dienst quittierte.
Mit den meisten Begriffen konnte ich in meiner Übermüdung schlicht nichts anfangen, geschweige denn mit dem Kuddelmuddel – besser: dem Buchstabensalat – den die griechische Schrift für mich damals darstellte.
Als sie uns fragte was wir essen wollen kapitulierte ich einfach:
„Ich habe gerade echt keine Ahnung. Eigentlich habe ich einfach nur Hunger – und ich möchte endlich hier ankommen.”
Sie sah mich an, lächelte – und klopfte mir fast mütterlich auf die Schulter:
„Ich glaube ich habe genau das Richtige für dich.”
Was dann auf den Tisch kam sah zunächst aus wie ein Unfall.
Aber ein Unfall dessen aromatischer Duft den ganzen Außenbereich erfüllte und der mir das Wasser im Mund zusammenfließen ließ. Schwer zu beschreiben – wie ein deutscher Eintopf, nur fremder, wärmer, nach Lamm. Und nach etwas das ich noch nicht kannte.
Ein tiefer Teller. Eine gewaltige Portion Kleftiko – mein allererstes Mal. Wahrscheinlich schon den ganzen Tag langsam geköchelt. Mittendrin der Gelenkteil eines Schenkels, daran nicht nur Fleisch sondern auch weich geschmorte Sehnen, Bindegewebe und Fett. Dinge die ich im normalen Leben bisher als schwierig empfand.
Ob es die Erschöpfung war oder einfach nur am Ort lag – ich weiß es nicht.
Ich habe zuerst noch mit Messer und Gabel angefangen. Dann zum Löffel gewechselt weil die Sauce einfach zu gut war. Und schließlich zu den Händen. Den Rest der Sauce habe ich mit warmem Pitabrot aufgesaugt. Der Teller war am Ende blitzsauber bis auf den blanken Knochen.
Meine Frau war viel zu sehr mit ihrer gegrillten Leber beschäftigt um mich groß zu mustern. Aber als wir uns ansahen waren wir uns ohne Worte einig.
Echtes. Griechisches. Soulfood.
Um uns herum saßen fast nur Einheimische. Ein tiefes Gemurmel griechischer Stimmen, dazwischen Lachen, das Klappern von Besteck und Gläsern – und direkt neben uns das leise, monotone Plätschern der Wellen gegen die Holzplanken.
Zum Abschluss brachte sie noch irgendetwas Süßes mit Zimt. Ob es Grieß- oder Reispudding war weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Kein Ouzo jedenfalls – das weiß ich noch. 😄
Es war ein warmes, rundes Gefühl im Bauch das schwer zu beschreiben ist. Einfach: genau das was ich in diesem Moment gebraucht habe.
Es war kein spektakulärer Abend. Kein durchgestylter Hotspot. Kein von langer Hand geplanter Urlaubsmoment.
Aber genau dort, auf der kleinen Holzterrasse des Okeanos auf Kos, spürten wir zum ersten Mal die Essenz dessen was dieses Land für uns bis heute bedeutet:
Nicht einfach irgendwo angekommen zu sein – sondern aufgenommen worden zu sein.
Griechenland hat noch viele solche Orte. Und noch mehr solche Momente – die meisten davon kenne ich selbst noch nicht. Wenn du magst, nehme ich dich mit. Efcharistó.




Ich erinnere mich auch an mein „erstes Mal“. Ich war damals 19 und mit zwei Freundinnen auf Korfu. Von dem Moment an, wo wir ankamen dachte ich: das ist der allerschönste Ort der Welt. Ich war schockverliebt. Wenn ich heute ab und an mal hinfliege, empfinde ich es landschaftlich tatsächlich immer noch so. Χαιρετίσματα 🙋🏻♀️
So wundervoll beschrieben, sodass man wirklich neugierig ist Griechenland zu besuchen und zu entdecken, wenn man es noch nicht kennt 😊🇬🇷